G&K HorseDream GmbH: Managertraining mit Pferden

Hürdenlauf.
Vogue Business, Herbst / Winter 2001.

Pferde sind ehrlich, sensibel, aufmerksam. In Seminaren sollen sie jetzt Führungskräften zeigen, wo's langgeht. Katharina Rieger hat sich ihnen anvertraut.

Es ist plötzlich da. Das wohlige Gefühl, wenn Unsicherheit Vertrauen weicht - weil man ganz unbedarft auf einem Pferd sitzt. Das letzte Mal "ritt" ich als Kind auf einem Jahrmarkt-Ross im Kreis, jetzt trägt mich der kleine Wallach Benny. Kein Sattel, nur eine gehäkelte Patchworkdecke. Erst als das Tier spürt, dass ich sicher sitze, geht es los. Ich war misstrauisch, was das hier soll, mit den Pferden. Jetzt spüre ich es: Gefühle wie Vertrauen und Unsicherheit, die ich selten beachte, sind plötzlich ganz nah.

Das Intensivseminar "Führungskräftetraining mit Pferden" brachte mich auf Bennys Rücken. Intensiv deshalb, weil außer mir nur Multimedia-Projektleiter Norbert teilnimmt, um das eigene unbewusste Führungsverhalten zu erkunden. Norbert besitzt seit vier Jahren ein Pferd, Wallach Eddy, den er abgöttisch liebt.

Ich halte zu Pferden normalerweise fünf Meter Abstand, vorsichtshalber. Aber, so die Website der Firma "HorseDream", man braucht "keine Erfahrung mit Pferden". HorseDream, das sind Gerhard und Karin Krebs. Seit fünf Jahren veranstalt das Paar Seminare "mit dem Medium Pferd" für Chefs und Chefinnen aller Art. Erst gab Computerfachmann Krebs EDV-Kurse, die Pferde waren nur ein Hobby. "Aber die Teilnehmer wollten auch reiten", erzählt er, "so entwickelten wir unser Kurs-Konzept."

In Deutschland waren sie die Ersten, die Pferde als Co-Trainer einsetzen, um Führungskräften ihre Schwächen und Stärken bewusst zu machen. Weiche Werte, wie emotionale Intelligenz sind dabei zentral, nicht die Grenzerfahrungen harter Überlebenstrainings. HorseDreams Heimat ist die Fenwick-Farm im Odenwald. Ringsrum dunkelgrüne Wälder, nachts ein Sternenmeer am Himmel. Die Stadt, der Stress, der Stau - all das ist meilenweit weg.

Autorität sein, ohne autoritär zu sein

Zwei Tage lang werden Norbert, der energische Projektleiter und ich, die Redaktionsleiterin, uns von den Pferden den Spiegel vorhalten lassen. Warum eigentlich Pferde? Gerhard Krebs sagt: "Intuition, Körpersprache und Konzentration sind auch zur Menschenführung wichtig, aber nur wenige Chefs achten darauf." Mit Pferden, sensiblen Fluchttieren, wird die Wahrnehmung darauf gelenkt, ob und wie gut man diese Stärken beherrscht. "Autorität sein, ohne autoritär zu sein", sagt Karin Krebs, " ist ja auch mit Menschen wichtig." Hört sich nicht so schwer an.

Wir stehen auf der Holztribüne der Reithalle, in die durch große Oberfenster mildes Tageslicht fällt, als die vier Tiere in die Halle laufen. Drei schwarze Friesen-Wallache - Bosse, Lüttje und Benetton - und Benny, das kleine Tinker-Zigeunerpferd, wälzen sich hemmungslos auf dem weichen Torfboden. Erste Aufgabe: Wer ist der Chef? Es muss Benetton sein, der Größte, Eleganteste. Doch Gerhard Krebs sagt später: "Benny ist der Chef." Ausgerechnet der Kleinste! "Benetton ist der Rangniedrigste, unser Teenager." Wenigstens hat auch Norbert daneben getippt. Lektion eins: Lasse dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen.

Danach sollen wir die Pferde führen, an einem Strick vorbei an Hindernissen in der Halle. Bosse trottet neben mir her, ich lobe ihn, er folgt mir. Auch Lüttje, der Rentner der Viererbande, gehorcht. Ich bin die geborene Chefin! Bis Norbert rät: "Rede nicht auf die Tiere ein!" Denn er geht schweigend voran, jedes Tier folgt ihm. Also versuche ich es so mit Benny. Nach wenigen Metern wird der Strick straff, das Pferd steht da wie versteinert. Zaghaft zerre ich an der Leine. Spott in Bennys Augen. Ich rede mit ihm, kraule seine Mähne, bis er weiter geht. Später, bei der Videoanalyse, die allen Übungen folgt, sehe ich eine Frau, die hölzern vor einem kleinen dicken Pferd geht. Lektion zwei: Ändere deinen Führungsstil nicht abrupt, das kauft dir keiner ab.

Das Erstaunliche an der Arbeit mit Pferden: Sie registrieren sofort, wenn der Mensch nicht authentisch oder konzentriert ist - und verweigern die Zusammenarbeit. Ist man aber mental bei ihnen, lobt und motiviert sie, klappt alles wie am Schnürchen. "Auf den Menschen lässt sich das zwar nicht 1:1 übertragen", sagt Gerhard Krebs, "aber die Arbeit mit Pferden macht das eigene, intuitive Verhalten in überraschenden Situationen bewusst."

Sich in Geduld üben

Das zeigt die nächste Übung: Wir sollen bei den Tieren Vertrauen und Respekt aufbauen. Im Picadero, einer zehn mal zehn Meter großen Fläche, treiben wir ein Pferd mit einem Fähnchen im Kreis herum. Wichtig: aufrecht gehen, den Arm heben. Bis das Tier Demut zeigt, indem es den Kopf senkt und auf uns zukommt. Jedes der vier Pferde senkt den Kopf, aber keines kommt auf mich zu. Mit gutem Zureden führe ich die Tiere. Erst auf dem Video später erkenne ich, wie ungeduldig ich bin.

Auch Pferdekenner Norbert stößt an seine Grenzen. Weil er von Benetton das Gleiche erwartet wie von seinem Eddy (nämlich eine 180-Grad-Drehung), streikt Benetton. Ein Missverständnis. Lektion drei: Konflikte entstehen durch Missverständnisse. Und: Wer führt braucht Geduld. Die Erkenntnisse aus dem Seminar mögen simpel klingen, aber: Sie hinterlassen bleibende Eindrücke für den Job-Alltag. Kein Mensch reagiert auf Fehler derart direkt wie das Pferd - das einen so dazu bringt, die Fehler zu erkennen.

Die Zügel nie zu locker lassen

"Pferde nehmen keine Rücksicht", sagt Karin Krebs. Das ist schwer zu akzeptieren, als ich Bosse vor mir an Zügeln durch einen Parcours lenken soll. Ich will nach links, er geht nach rechts. Er geht im Kreis, ich will geradeaus. Das Geheimnis: Ich muss die Zügel straffer nehmen. Siehe da, ich steuere das Tier ohne laute Kommandos. Lektion vier: Halte den Druck konstant, lasse die Zügel nie zu locker.

"Sobald die Teilnehmer auf dem Pferd sitzen, platzt der Knoten", sagt Gerhard Krebs später. Auch mir ging es so, eine Runde auf Benny genügte, um die Tiere als Trainer zu akzeptieren. Am zweiten Tag reite ich sogar mit zwei Pferden. Ich sitze auf Benny, vor ihm steht Bosse, alle Zügel in meinen Händen. Gerhard Krebs geht vor, locker folge ich mit den beiden. Wow! Zugegeben, die Euphorie verschwindet, als Gerhard Krebs mich allein machen lässt und die Tiere sich vor mir verheddern.

Reiten wollte ich auch nicht lernen, dafür habe ich erkannt: Vier Pferde sind vier Charaktere, auf die ich mich einstellen muss, wenn ich etwas erreichen will. Für sie zählt Hierarchie nichts, wenn die Signale unklar sind. Ich weiß jetzt, dass ich geduldiger sein sollte und auch mal laut sagen kann, wo's lang geht. Aber, letzte Lektion: Was man hier lernt, kann man nur erleben.

Süddeutsche

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