HorseDream in Cavallo
Heft Nr. 2, Februar 2000

 

Psychologie und Verhalten

Alle mal herhören!

Dominanz ist ein Schlagwort, das mehr vernebelt, als erhellt (...) Der Duden beschreibt "dominieren" knapp als vor- oder beherrschen - eine Definition, die zu Grobheiten einlädt. Manche taufen die komplizierte Angelegenheit daher lieber gleich um. "Ich bevorzuge das Wort Autorität", sagt der hessische Ausbilder Peter Pfister (...)

Dominanz gegenüber dem Pferd besteht in der Kunst der souveränen, kleinen Gesten, die vom Pferd nur dann richtig gelesen und befolgt werden, wenn sie im richtigen Moment kommen. (...) "Pferde decken Führungsschwächen gnadenlos auf", sagt Gerhard Krebs, 51, aus Brensbach im Odenwald. Der Kommunikations-Fachmann hat sich auf Seminare spezialisiert, bei denen Top-Manager von seinen drei Friesen lernen sollen. "Es geht darum, die Balance zwischen laxem Schleifenlassen der Zügel und autoritärem Führen an kurzer Leine zu vermitteln", sagt Krebs, dem auch der Automobil-Hersteller Audi bereits Manager in den Stall schickte.

Sie lernen dort, daß präzise Anweisungen vom Pferd sofort umgesetzt werden. Das geht am besten, wenn der Mensch eine klare Vorstellung hat, was er gerade vom Pferd möchte. Diffuses Gestikulieren, vage Andeutungen oder Unentschlossenheit werden dagegen mit Widerstand beantwortet oder ignoriert.

"Wenn im Umgang mit Pferden etwas nicht klappt, liegt der Fehler immer beim Menschen", sagt Krebs. "Die meisten Chefs haben es sich leider angewöhnt, die Fehler nur bei ihren Mitarbeitern zu suchen. Bei den Pferden können sie sich aber nichts mehr vormachen." (...) "Das Verhalten der Pferde ist immer berechenbar", sagt Krebs. Das macht den Weg zur Chef-Etage leicht; vorausgesetzt, der Mensch befolgt konsequent einige Regeln. (...)

Werden diese Regeln im täglichen Umgang mißachtet, ist der Möchtegern-Macher schnell machtlos (...) "Gewalt beginnt, wo Wissen endet. Und bei Gewalt hat das Pferd immer die besseren Argumente", sagt Pfister. Ein Geheimnis der Dominanz besteht daher darin, ein Pferd nie merken zu lassen, um wieviel stärker es als der Mensch ist.

Das bedeutet auch, in bestimmten Situationen auf Dominanz zu verzichten - zum Beispiel immer dann, wenn das Pferd in Panik gerät oder nicht mehr ansprechbar ist. (...)

Wer mit Pferden umgeht muß vielmehr so wach sein, daß er Reaktionen seines Pferds vorausahnt. Nur dann kann er durch festere Zügel oder ein anderes Kommando rechtzeitig eingreifen.

Wer Chef sein will, muß also fix sein und braucht Eigeninitiative. "Die meisten versuchen, alles 1:1 nachzumachen", sagt Ausbilder Kai Nehring. "Aber sie sollen das Pferd verstehen und nicht den Ausbilder nachäffen."

Ulrike Dobberthien
(stellvertretende Chefredakteurin)

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